12.11.2021

Geschichte der jüdischen Gemeinde Reken

Ulrich Hengemühle lebt in seinem Geburtsort Bahnhof Reken, ist pensionierter Geschichtslehrer der Wulfener Gesamtschule und ein Sohn des langjährigen Overberg-Schulleiters Josef Hengemühle. Das Schreiben von Büchern war nie sein Ding, bis er 2017 nach einem Artikel in der BZ damit begann, sich für eine lokale Aufarbeitung der komplett im Dunkeln liegenden Zeit unter dem NS-Regime und speziell für die Schicksale der Rekener Juden zu interessieren. So entstanden nacheinander die vom Heimatverein herausgegebenen Bücher „Reken 1900 bis 1945“ und „Mitten unter uns – Geraubte Leben in Reken 1933-1945“. Am 9. November, dem Jahrestag der Reichsprogromnacht (1938) zum Auftakt des von den Nationalsozialisten organisierten und durchgeführten Holocausts mit der finalen Ermordung von sechs Millionen Juden in Europa, stellte Herngemühle jetzt sein drittes Werk unter Titel „Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Reken von 1742 bis heute“ vor.

50 Mitbürgerinnen und Mitbürger kamen ins RekenForum, um bei der Präsentation des wiederum vom Heimatverein herausgegebenen und dieses Mal von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, der Antisemitismusbeauftragten des Landes NRW, finanziell geförderten Buches dabei zu sein, das an Jugend-Bildungseinrichtungen kostenlos abgegeben werden kann. Für acht Euro im Bürgerbüro des Rathauses zu kaufen ist die zunächst mit einer Auflage von 600 Exemplaren gedruckte 63-seitige Abhandlung, deren Erlös den beim Riga-Komitee engagierten Rekener Jugendlichen zu Gute kommt. Nach einer Begrüßung durch den Heimatvereins-Vorsitzenden Carsten Hösl ließ Ulrich Hengemühle dann den Inhalt seiner mit Hilfe von Georg Meirick und dem Heimatarchiv-Vorsitzenden Herrmann-Josef Holthausen entstandenen Ausarbeitungen Revue passieren.


Ulrich Hengemühle rezitiert aus seinem dritten Werk „Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Reken von 1742 bis heute“.


Der Autor berichtete, dass sich jüdische Familien schon vor 1800 in der Mühlengemeinde niedergelassen und eine jüdische Synagogen-Gemeinde gegründet hatten. Im 20. Jahrhundert - speziell nach dem 1. Weltkrieg - habe man Juden dann als kulturunfähige Wesen betrachtet und ihnen nach der Verhängung von Berufsverboten lediglich Tätigkeiten als Viehhändler, Hausierer oder Geldverleiher eingeräumt. Mit der Progromnacht begann schließlich die Vertreibung und oftmalige Ermordung auch der vier in Reken heimischen und angesehenen jüdischen Familien Lebenstein/Levinstein, Silberschmidt, Lebenstein (Surkstamm) und Humberg (Klein Reken). Vor der NS-Zeit galten sie als angesehene Kaufleute und Handwerker, die Rekener Vereine bis zu ihrer Ausgrenzung und Verfolgung mitgeprägt und sogar gegründet haben - für deren Angehörige in wenigen Wochen Stolpersteine in der Gemeinde verlegt werden.


Der Heimatvereins-Vorsitzende Carsten Hösl begrüßt 50 Mitbürgerinnen und Mitbürger zur Buchvorstellung im RekenForum.


So war Isaak Lebenstein beispielsweise Mitbegründer des Groß Rekener Kriegervereins, Simon Lebenstein Vorsitzender des Groß Rekener Schützenvereins, Albert Lebenstein sogar Schützenkönig und Samuel Silberschmidt hob die Freiwillige Feuerwehr in Groß Reken aus der Taufe. „Die jüdischen Menschen zählten also unbestritten zur Rekener Dorfgemeinschaft, und es war ganz sicher unmöglich, ihr komplettes Verschwinden aus der Gemeinde nicht zu bemerken“, konstatiert Ulrich Hengemühle, der sein Buch mit folgenden Worten ausklingen läßt: „Auch dieser Band soll im kollektiven Gedächtnis der Gemeinde zukünftig die Fragen offen halten, wer die jüdischen Nachbarn , Freunde und Kollegen waren und warum auch Rekener sie aus dem Gemeindeleben vertrieben und in den Tod abtransportierten oder dies geschehen ließen.“ (hh)